Oft werde ich gefragt, woher ich meine Ideen nehme. Eigentlich ist das ganz einfach: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und sauge so ziemlich alles auf, was mich interessiert. Manchmal sind das klitzekleine Geräusche, manchmal große Szenen, Bilder, Stoffe, Menschen. Das Alles wird irgendwo in meinem Kopf abgespeichert und fließt dann irgendwann wieder aus mir heraus.

Allein an dieser Beschreibung sieht man, dass kreative Menschen irgendwie anders drauf sind, ehrlicherweise schräg. Dennnoch funktioniere ich so. Ich schaue mir z.B. ein tolles Foto an. Irgendetwas am Rand des Fotos, ein Stein, eine Blume, ein Hocker oder Schatten, etwas, was ein anderer Betrachter vielleicht gar nicht sieht, fällt mir auf. Ich überlege mir dann, was daraus entstehen könnte. Darüber denke ich dann nach und plötzlich entsteht etwas ganz Neues…! Das ist schwer zu erklären, ich weiß Ihr denkt jetzt, ich bin ein bisschen übergeschnappt…macht nix und keine Sorge, das verstehe ich. Zum Glück ist meine beste Freundin auch Designerin und sie wüßte jetzt genau, wovon ich spreche…stimmt`s? Wir können stundenlang darüber reden, ob ein Saum vielleicht doch 2 cm kürzer sein sollte und ob der Knopf vielleicht 1 mm zu groß ist. Hach Betty, dafür liebe ich Dich.

Gerhard Richter z.B. hat das auf die Spitze getrieben. Wer in seiner Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie gewesen ist, weiß jetzt genau wovon ich schreibe. Herr Richter malte nämlich einst einen braunen Vorhang. Alle Falten, Licht und Schatten, die Textur, alles meisterhaft gemalt. Man hatte das Gefühl, man könnte ihn anfassen, den Vorhang. Neben diesem fast fotografisch anmutendem Gemälde hing ein riesiges, gegenstandsloses „Gematsche“ in braun. Nicht einmal die Komposition überzeugte sonderlich, doch die Idee dahinter war einfach genial. Gerhard Richter hatte einen kleinen Punkt seines Vorhanggemäldes ausgewählt. Kaum mehr als 1×1 cm groß und diese 1×1 cm wiederum riesengroß vergrößert und gemalt. Er hatte ein Pixelchen des Gesamtbildes zu einem neuen Kunstwerk entstehen lassen…Ihr versteht?

 

Kreativität bedeutet also, nicht sich auszuruhen, stillzustehen, zu kopieren und immer den Konventionen zu folgen, sondern vielmehr über den Tellerrand zu blicken und aus manchmal klitzekleinen, unansehlichen oder unscheinbaren Dingen, etwas ganz Großes und Neues entstehen zu lassen.

Das ist ungefähr so, wie mit der Muschel, die Ihr am Strand gefunden habt. Sie ist dort eine von ganz vielen Muscheln – unscheinbar, klein und trotzdem faszinierend. Muss sie ja sein,denn Ihr habt genau diese eine kleine Muschel aufgehoben, mit in Euer Zuhause genommen und sie dort in eine wunderschöne Schale gelegt. Sie ist für Euch Erinnerung an traumhafte Tage am Meer. An Sonne, Wind und Zufriedenheit. Ein klitzekleines Etwas, das an ganz was Großes erinnert. Die kleine Muschel inspiriert Euch. Sie läßt Euch träumen, schmecken, tanzen.

Inspiration hat viele Gesichter. Viele Dinge sammeln wir auch schon in unserer Kindheit. Dinge, Erlebnisse, Gedanken, die dann irgendwann – ja und manchmal sogar auch immer wieder – aus uns heraussprudeln. Erlebtes, Geschichten, Geschmäcker, Freud und Leid. So ging es mit neulich auch. Ich fand beim Aufräumen meine Ballettsachen aus Kindertagen. Da kamen natürlich viele Erinnerungen hoch, das harte Training, die Musik, der taube Klavierspieler, der immer seinen Einsatz verpasste, die Auftritte. Was für eine aufregende Zeit, die mich sehr geformt hat. Als ich dann einige Tage später an meinem Kalender gearbeitet habe, ist eine Tanzszene entstanden. Das war wohl eine Hommage an meine Kindheit…meine Welt war damals rosa, das Tütü, die Schuhe, das Haarnetz. In meinem Zimmer klebten Bilder von Tänzerinnen in wunderschönen Kostümen. Ich liebte Margot Werner und Eva Evdokimova und ich träumte davon, einmal als Prima Ballerina auf der Bühne zu stehen. Ich tanzte für mein Leben gern und ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich in einer Oper sitze und den grazilen Bewegungen der Tänzer zusehe. Die fließenden Gewänder, die durchgedrückten Füße, die schwebenden Hände…diese Erinnerungen haben mich zu meiner Zeichnung inspiriert. Eine längst vergessene, rosarote Wolke, die sich in meinem Kopf freimachte und zu einer Zeichnung wurde.

Und was inspiriert Euch?